Ein Langhaus im Dorf

von Koeberl Doeringer Architekten.

Oft sind es widrige Bedingungen und als unbebaubar geltende Parzellen, die Architekten mit außergewöhnlichen Entwürfen meistern. Auf einem großen Grundstück würde sich dieser 5 Meter breite und 35 Meter lange Bungalow merkwürdig und rätselhaft ausnehmen. Hier in der schmalen, endlos langen Lücke, die mitten in der intakten Dorfstruktur irgendwie übrig geblieben war und aufgrund ihrer zentralen Lage die Bauherrinnen überzeugte, fanden Bau­fläche und Baukörper kongenial zusammen. Zur Straße wurde wie ein Portal ein Carport mit Lagerraum aufgestellt.

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Die tragende Konstruktion ist eine gedämmte Holzständerwand, die außenseitig mit rostbraunen Stahlplatten verkleidet ist

Durch ihn führt der Zugang als schmale rampenartige Passage, die auf das Thema der langen Reihung vorbereitet. Das kleine Gehäuse schirmt zur Landstraße ab, lässt aber einem alten Nussbaum seinen Platz, und zum Wohnhaus bleibt genügend Freiraum in alle Richtungen. Es sind zwei neue, eigenständige Bauwerke, die sich dennoch in die alte Struktur fügen. Hinter der Haustür setzt sich die gerade Wegeachse fort. Wie in einem Zugwaggon betritt man einen langen Gang, an dessen Seite die Abteile hinter Schiebetüren aufgefädelt sind: Kinder-/Gästezimmer mit Bad, Hauswirtschaft und Ankleide. Das folgende Schlafzimmer mit einer weiteren Nasszelle wird zusätzlich von einem ausgeschnittenen Innenhof belichtet.

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Innenhöfe und Einschnitte holen die Natur in das 35 Meter lange und nur 5 Meter breite Haus

Am Ende das Flurs und einen Tritt tiefer liegen die Küche und der offene Wohnbereich, der seitlich noch um einen Arbeitsraum erweitert wird. Aber auch dieser Anbau gehorcht dem linearen Prinzip, er wird nur über zwei Terrassen in der Hauptrichtung belichtet, wobei der Freisitz nach Südwesten als auskragendes Deck über die gesamte Breite reicht. So entstand ein „Langhaus“ mit Durch- und Weitblicken, das eine geschickte Balance zwischen uneinsehbarer Privatsphäre und Naturnähe hält. Die tragende Konstruktion ist eine gedämmte Holzständerwand, sie ist außenseitig mit rostbraunen Stahlplatten verkleidet. Damit kommt zwar ein ungewöhnliches Material in das Dorf, aber es glänzt nicht fremd, sondern entspricht mit seiner stumpfbraunen Patina den Ziegeln und unverputzten Backsteinfassaden der Umgebung.

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Ein langes und tiefliegendes Bandfenster belichtet den Flur, der wie ein Laufsteg das Haus durchteilt

Diese Schwarzstahlbleche haben unterschiedliche Stärken, Qualitäten und Oberflächen, sodass die Außenhaut unvorhersehbar verwittern wird. Innen setzen sich die rohen Materialien mit Sichtbeton, hydrophobiertem Estrich und geöltem Industrieparkett fort. Die wärmespeichernden Betonschotten erhielten durch in die Schalung eingelegte Strohmatten eine raue Haptik. Eine Solaranlage auf dem Dach unterstützt die Gasheizung, im Wohnraum trägt ein Holzofen zur gemütlichen Atmosphäre bei.


Pläne:

 

Architekt: Koeberl Doeringer Architekten

Ein nahezu unbebaubares, schmales langes Grundstück, Lärmschutzauflagen, Aus­einandersetzen mit dem Ort, Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude der Bauherren: so gestalteten wir das Gebäude, ganz nach dem Motto: Je schwieriger, desto interessanter.


Gebäudedaten:

  • Standort: Fürstenzell
  • Wohnfläche: 154 m²
  • Grundstücksgröße: 981 m²
  • Zusätzliche Nutzfläche: 52 m²
  • Bauweise: Holzständerbau mit Stahlbetonscheiben
  • Fertigstellung: 05/2011


Fotos:

koeberl doeringer Architekten, Passau

Dieses Haus ist erschienen in: “Häuser des Jahres 2014”, Callwey Verlag.