Ein Musikerhaus am See

von Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner.

Ein Haus, das auf den ersten Blick durch seine besondere Kubatur eine eigenwillige Nutzung erwarten lässt. Der Grundriss schließlich verrät, dass der im Osten quer zur Hauptfirstrichtung anschließende Gebäudeteil hinter der graugrünen Brettschalung auch konstruktiv abgelöst ist: Es handelt sich um das Haus einer Musikerfamilie, das langfristig gedacht ist: organisatorisch, energetisch, konstruktiv und formal. Zwar nur ideell in der Mitte birgt der Giebelbau über der Garage einen großzügigen, akustisch abgeschirmten Musikraum zum Üben und Unterrichten. Selbst eine Kirchenorgel wird hier noch Platz finden.

goetz-castorph-architekten-ein-musikerhaus-am-see-blick-aus-dem-garten
Der Dreiklang der Fenster steigert sich zur großen Öffnung des Musikraums, der auch an der Fassade seine halböffentliche Funktion zeigt

Die Architektur des Hauses reiht sich zeitlos in die Gemengelage der Bauernhäuser, Scheunen und frei stehenden Wohngebäude am Starnberger See, versucht indes nicht, sich an die landestypischen Nachbarn anzubiedern, sondern lässt eher an Holzhäuser in Skandinavien oder an der amerikanischen Ostküste denken. Diese überregionale Orientierung entspricht der internationalen Sprache der Musik, auch abzulesen durch die Verwendung eines einzigen Fenstertyps, der in stehenden Formaten wie eine Tonfolge rhythmisch über die Fassaden verteilt ist.  Die strenge Hausform wird durch zwei schützende Rücksprünge für den breit angelegten Eingang im Norden und einen Freisitz nach Süden unterbrochen.

goetz-castorph-architekten-ein-musikerhaus-am-see-eingangsbereich
Der Eingangsbereich mit der zurückgesetzten Porch

Der Wohnteil zeichnet sich durch wahrnehmbare, aber nicht völlig abgeschlossene Räume aus. Deutlich wird das Prinzip zum Beispiel bei den Kinderzimmern, die über ihre Schlafgalerie miteinander verbunden sind. Das Musikerhaus mit einem bis unter den 7 Meter hohen First reichenden Studio ist durch 3 Stufen als halböffentlicher Bereich ausgezeichnet, danach erreicht man erst die private Spiel- und Arbeitsdiele. Das Wohnhaus steht als Holzrahmenbau auf einem massiven Keller, der Musikraum auf der nicht unterkellerten Doppelgarage. Die Außenwände sind 24 Zentimeter dick mit Holzfasern isoliert, selbst die hochwärmegedämmten Holzrollläden tragen zum Energiekonzept bei: als attraktiver Sonnenschutz bzw. zum Abschluss der dreifach verglasten Holzfenster. Die Öffnungen folgen kalkuliert den Himmelsrichtungen, um zwischen Tageslichteintrag und Wärmeverlust zu vermitteln. Das große Nordfenster des Musikraums fällt hierbei nicht ins Gewicht, da man dort mit deutlich geringeren Raumtemperaturen auskommt. Die Wärme wird über Erdsonden gewonnen, sie versorgen eine Sole-Wasser-Wärmepumpe. Außerdem gibt es eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und Luftbefeuchtung. Die Entscheidung, ein Haus aus Holz zu bauen, entsprach der Absicht, für eine Musikerfamilie eine schützende, wärmende Hülle herzustellen, ein bewohnbares Instrument. Hinzu kommt, dass es wohl eine Nähe zwischen Architekten und Zimmerern gibt: durch das räumliche Zusammendenken eines flexiblen, intelligenten Materials.

goetz-castorph-architekten-ein-musikerhaus-am-see-zimmer-mit-klavier
Das Musikzimmer (über 7m hoch) ist so gedämmt, dass man auch nachts üben kann, ohne zu stören
goetz-castorph-architekten-ein-musikerhaus-am-see-zimmer-mit-treppe
Die Kinder haben im Obergeschoss ihr eigenes Zimmer aber über die Schlafempore sind die Räume miteinander verbunden

 

Pläne:

 

Architekt: Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner

Ein ganz heutiges Haus mit einem sehr alten und weltweit verzweigten Stammbaum. Unsere Idee einer Genrearchitektur: in der verfeinerten Darstellung des Alltäglichen das Besondere finden.


Gebäudedaten:

  • Grundstücksgröße: 1.490 m²
  • Wohnfläche: 245 m²
  • Zusätzliche Nutzfläche: 134 m²
  • Bauweise: Holzrahmenbau
  • Fertigstellung: 09/2012

Fotos:

Michael Heinrich, München

Dieses Haus ist erschienen in: „Häuser des Jahres 2013„, Callwey Verlag.